Wenig ist heute von dem
Alten Matriarchat noch bekannt. Nur ein kleiner Teil der Chroniken hat
bis heute überlebt. Die Amazonen, Erbinnen
von Ayam, wissen nichts mehr von der Größe ihrer Vergangenheit.
Auf der Insel Kritias finden sich jedoch noch einige Rollen Papyrus
mit alten Aufzeichnungen.
Jenes Volk hatte grosses
Wissen, und es gibt nicht wenige, die sagen, dass sie damals mehr verstanden
als wir heute. Es lebte in der Ebene südlich des Gebirges, welches
wir heute den Berg des Verloreren Wasser nennen. Die Hauptstadt Ayam
lag am Fusse dieses Gebirges an einem Fluss, der heute nicht mehr ist.
Das Volk von Ayam war gross in handwerklichen Dingen und es war erfahren
in der Kriegskunst. So führte es viele Kriege gegen die Barbaren
und auch gegen die Zwerge, welche im Gebirge nach Erz schürfen
wollten. Die Zwerge waren mächtiger als die wilden Menschen jener
Zeit, und der Krieg kostete Ayam viel Blut. Es waren die Frauen Ayams,
welche letztlich den Frieden mit den Zwergen schlossen. Inzwischen aber
lag das Land in Trümmern, und nur noch Frauen waren übrig,
um es wieder aufzubauen, denn die meisten jungen Männer waren auf
dem Schlachtfeld gestorben. So begann die Herrschaft der Frauen in dem
Reich, und es herrschte viele tausend Jahre lang Frieden und Wohlstand.
Nur von dieser Zeit haben wir Wissen über Ayam. Seine kriegerische
Vergangenheit ist wie ein Nebel, den wir nicht zu durchdringen vermögen.
Unbekannt ist auch, was zu der großen Dürre führte.
Sie vernichtete innerhalb weniger Jahre die ganze Kultur des stolzen
Volkes und trieb es auseinander wie Blätter im Wind. Der Wind kam,
so hiess es, nur noch aus dem Norden und aller Regen fiel vor dem Berg
des Verlorenen Wassers (der wohl aus diesem Grunde seinen Namen erhielt).
So muss der mächtige Flutwald entstanden sein. Südlich des
Gebirges aber verdorrte das Land.
Die Bauern flohen nach Osten und Süden. Ihre Töchter sind
die kriegerischen Amazonen.
Die Bewohner von Ayam-Stadt verließen ihre Heimat mehrheitlich
nach Westen, wo sie das Meer überquerten und die Insel Kritias
besiedelten. Dort gründeten sie ein neues Matriarchat, welches
so friedliebend ist, dass es sich auch dann nicht zur Wehr setzt, wenn
es geschlagen wird.
Aussehen
Wie haben wir uns die Menschen
von Ayam vorzustellen? Viele sagen, dass wir sie am stärksten in
den Amazonen wiederfinden. Demnach muss es ein hochgewachsenes, schlankes
Volk gewesen sein, mit heller Haut und schwarzen Haaren.
Aus den Quellen erfahren wir, dass sie leichte Stoffe trugen und die
Farbe Weiss sehr liebten. Die Gewänder fielen locker und weich,
und es scheint, dass sich die Kleidung von Männern und Frauen nicht
stark unterschied. Mit Metallplatten beschlagene Ledergürtel wurden
von den Frauen um die Hüften getragen, von den Männern als
Schärpe über der Brust. An den Füßen trugen sie
im Sommer Sandalen und im Winter Stiefel aus Leder. Von reichlichem
Schmuck zeugen keine Berichte und wir glauben, dass die Menschen damals
in großer Bescheidenheit lebten.
Allgemeines
Die Landwirtschaft bestand
vor allem aus Ackerbau in den Ebenen südlich des Gebirges. An den
Hängen des Gebirges weideten Schaf- und Ziegenherden.
Aus dem Gebirge selbst wurde Erz in großen Mengen gefördert,
jedoch wenige Edelmetalle.
Das Handwerk blühte in den
Bergdörfern und in der Stadt Ayam selbst auf. Es erhielt starke
Unterstützung durch das Wissen, das von der Universität kam.
Von besonderer Güte waren wohl die Stoffe, welche die Leute von
Ayam am Leibe trugen.
Die Magie war in der Kräuterkunde und der Hochmagie weit entwickelt
und half in vielen Dingen des täglichen Lebens.
Militär
Eine Zeit des Friedens hatte für Ayam begonnen. Das Heer war klein
und bestand nur aus Frauen. Es diente gleichzeitig der Sicherung der
Grenzen als auch der Aufrechterhaltung der Ordnung im Inneren.
Die Bogenschützinnen
sind mit 900 Kriegerinnen (= 150 Reihen, eine Reihe sind 6 Frauen) die
zahlreichsten. Sie tragen einen leichten Brustharnisch, mit Metall beschlagen.
Darunter eine weiße Tunika, darüber ein weisser Umhang. Sie
führen den Langbogen.
Die Schwertkämpferinnen sind 600 Kriegerinnen (= 50 Scharen,
eine Schar sind 12 Frauen). Sie tragen dieselbe Kleidung wie die Bogenschützinnen.
Sie führen ein Schwert, das für den Einsatz in der Stadt kurz
ist, für den Wachdienst an der Grenze aber lang.
Die Reiterinnen sind 360 Kriegerinnen (= 40 Staffeln, eine Staffel
sind 9 Frauen). Sie tragen Brustpanzer und Helm aus Leder, sowie ein
hellblaues Hosengewand darunter. Sie sind bewaffnet mit einem Kurzbogen
und einem leichten Streitkolben. Die Pferde sind große und kräftige
Tiere, jedoch keine echten Streitrösser.
Die Streitwagenlenkerinnen verteilen sich auf 30 Wagen (= 5 Achsen,
jede Achse sind 6 Wagen). Sie tragen einen schweren Brustpanzer, einen
Helm aus Metall und eine sandfarbene Tunika. Auf jedem Wagen stehen
zwei Frauen, die Wagenlenkerin und die Lanzenträgerin, die außerdem
mit einem leichten Streitkolben bewaffnet ist.
Die Stadt Ayam war durch
ein Netz aus Mauern und Wehrtürmen geschützt, und auch alle
Brücken über die Schluchten waren von Bogenschützinnen
bewacht. Über die Ebene verstreut lagen die Wachhäuser, von
welchen aus eine Reiterstaffel auf Patrouille ging, während eine
Schwerterschar und eine Reihe Bogenschützinnen in Garnison lagen.
Wissen
Die Universität von
Ayam hatte 12 Fakultäten. Sie lauteten wie folgt:
Sanguinik (Kunde von Mensch
und Tier)
Grünkunde (Kunde von Pflanzen der Wildnis und der Ackerfrucht)
Erdkunde (Kunde von den Mächten der Natur)
Artefaktie (Kunde von leblosen Dingen)
Zahlenkunde (Kunde von den Rechenarten und den Dingen des Handels)
Fremdenkunde (Kunde von den anderen Völkern und ihren Ländern)
Bürgerkunde (Kunde von der Geschichte und den Menschen Ayams)
Ethik (Kunde von Recht, Gesetz und Moral)
Seelenkunde (Kunde vom Wesen des Menschen)
Körperkunde (Kunde vom menschlichen Körper und der Medizin)
Ästhetik (Kunde von künstlerischen Dingen)
Freie Wissenschaften (Kunde anderer Disziplinen)
Die Schüler waren
Männer und Frauen, jedoch waren die Lehrer nur Frauen. Der Rat
der Universität setzte sich aus 30 Lehrerinnen und 30 Schülern
zusammen.
Das höchste Ansehen hatten diejenigen Wissenschaften, welche sich
mit dem Menschen beschäftigten, vor allem aber stand die Medizin
in höchstem Ruf. Das wundert nicht, denn es heißt, dass die
Amazonen selbst heute noch den Elben ebenbürtig sind, wenn es um
die Heilkunde geht.
Von ihren Tempeln und Priestern
ist wenig bekannt. Vermutlich betete das Volk die personifizierte Erde
an, welche eine Art von Muttergottheit darstellte.
Verfassung
Der Rat der Stadt regelte
die Dinge für ganz Ayam. Er bestand aus 24 Frauen, welche sich
auf 8 Ämter verteilten:
Sprecherinnen (Repräsentanz
des Rates vor dem Volk, und des Volkes vor dem Rat. Diplomatische Gesandtschaft.
Leitung der Ratsversammlung. Entscheidung bei Stimmengleichheit)
Amt für Ackerbau (Belange der Landbevölkerung, Vorratshaltung,
Vergabe von Jagd- und Fischereirechten)
Bauamt (Belange der Stadtbevölkerung, öffentliche Bauten,
Straßenbau, Sauberkeit auf den Straßen, Bäderwesen
und öffentliche Vergnügungen)
Heeresamt (Heeresführung, Volksbewaffnung, Wehranlagen)
Amt für das Leben (Gesundheit der Bevölkerung, Schutz von
Tieren und Pflanzen sowie der Gewässer)
Amt für Moral und Gesetz (Höchstrichterliche Instanz, Kontrolle
der niederen Gerichtsbarkeit und des Rates selbst auf moralische Größe)
Schatzamt (Verwaltung der öffentlichen Gelder)
Freies Amt (Ersatz für verstorbene, invalide oder schwangere Ratsmitglieder,
Aushilfe bei Überlastung eines Amtes)
Der Rat trat einmal im
Monat zusammen, es sei denn eine außerordentliche Versammlung
wurde von den Sprecherinnen einberufen. In einer Versammlung legte jedes
Amt Rechenschaft ab und verhandelt mit anderen Ämtern über
Dinge, die verschiedene Ämter betraf. Zudem beschloss der Rat Gesetze
und konnte einen Bann auf Personen legen.
Der Rat setzte sich zusammen
aus den gewählten Abgesandten der Universität. Alle 6 Jahre
bestimmte jede Fakultät eine Abgesandte. Der Rat der Universität
legte fest, welche Abgesandte welchem Amt zugeteilt wurde. Die 12 Frauen
lösten jene 12 Ratsmitglieder ab, welche am längsten im Amt
waren. Da kein Ratsmitglied zweimal gesandt werden konnte, dauerte eine
Amtsdauer nicht länger als 12 Jahre.
Die Gerichtsbarkeit unterstand
zwar nicht dem Amt für Moral und Gesetz, konnte aber in jeder Entscheidung
von diesem überstimmt werden. Jedes niedere Gericht setzte sich
zusammen aus einer Klägerin, einer Verteidigerin und einer Richterin.
Höchststrafen waren die Verbannung auf Lebenszeit (wegen Hochverrats)
und die nicht öffentlich stattfindende Enthauptung (wegen Vergewaltigung
und Mord). Der größte Teil der Strafen wurde in Arbeitsdienst
abgegolten. Prügelstrafe und Verstümmelung waren unbekannt.