Während meines geschäftlichen
Aufenthalts in diesen rauhen, doch herzerfrischenden Landen, war es
mir nie gelungen, Sitten und Bräuche seiner Einwohner wirklich
zu verstehen. Alles ist so anders als bei uns im Süden. Wie ich
auf meiner Reise in einer Karawane erfahren habe, blicken sogar die
Nordländer mit großer Verwirrung auf ihre Nachbarn. Obwohl
doch vom gleichen Menschenschlage, haben sich die Dinge wohl anders
entwickelt in jenen Landen, und zwar auf höchst eigentümliche
Weise. Wenn uns Kalifati die Nordländer roh und barbarisch erscheinen
möchten, so sind die Eisenländer gleichsam aus hartem Fels
gehauen - schweigsam, stolz und unerbittlich.
Aussehen
Da sie vom selben Blute
wie die Nordländer sind, haben auch die Eisenländer blasse
Haut, jedoch findet man desöfteren schwarzes oder braunes Haar.
Sie sind kräftig und robust gebaut, als wollten sie allen Unbilden
durch pure Körperkraft trotzen.
Die Bauern sind sehr arm. Gekleidet ist sie in jämmerlichen ungefärbten
Leinen und kratziger Wolle. Gar tragen sie Leibröcke aus Jute!
Viele Menschen besitzen nicht einmal Schuhe. Die Männer sind bärtig
und tragen ihr Haar oft im Zopf. Die Frauen sind unansehnlich und lachen
niemals. Sie werden arg unterdrückt vom Herrn des Hauses und haben
keine Rechte, nennen sich aber doch "frei". Sklavinnen haben
es besser bei uns in Riad.
Die Leute in der Stadt Gor, welches die einzige in den Eisenlanden ist,
sind etwas wohlhabender. Leider tragen auch sie farblose und grobe Kleidung,
wenn auch besser gearbeitet als die Bauernlumpen.
In Gor lebt auch der Kriegeradel, und in einer ihrer Festen ward ich
untergebracht. Deshalb konnte ich sehr genau in Augenschein nehmen,
wie die Menschen von Stand hier leben. Der eisenländische Krieger
rasiert Haupt- und Barthaar, denn er ist der Meinung, dass dies dem
Feind Furcht einflößt. Die Beinkleider der Männer sind
aus rauhem Leder, sowohl Hosen als auch die schweren Reitstiefel. Auch
die Hemden sind aus Leder, oder aus festem Stoff. Es ist erstaunlich,
dass auch der Adel schön gefärbte Kleidung von sich weist.
Nur zu besonders feierlichen Anlassen werden rote Umhänge oder
Mäntel getragen. Gern stolziert der Krieger in seiner Rüstung
einher, und bewaffnet ist er fast immer.
Das
Land
Die Eisenlande sind ein
sehr fruchtbares Land. Die Erde ist fast überall gut, es regnet
häufig, und die Auen sind von lieblichen Bächen und mächtigen
Strömen durchzogen. Die Wälder liefern dem Volk Holz und Früchte
und jagdbares Wild. Die Jagd ist
freilich dem Adel vorbehalten, und dieser widmet sich ihr mit großer
Leidenschaft.
Der stolze Dreiberg liefert Eisenerz in großen Mengen, den die
Menschen mit großem Fleiß und der Kraft ihrer Muskeln abbauen.
Der Westen ist der kärgste Teil ihres Landes, doch sehr wichtig,
da hier die Handelsroute nach Nord und Süd verläuft.
Handwerk
und Handel
Die Minen sind der größte
Reichtum des Landes. Sie liefern Eisen, Kupfer und Bronze, welche in
den zahlreichen Schmieden bearbeitet werden. Leider überwacht der
Heerkönig und seine Beamten die Ausfuhr auf das strengste, was
bedeutet, dass die besten Waffen das Reich nicht verlassen dürfen.
Dennoch sind die metallenen Güter, welche die Eisenländer
in die Fremde verkaufen, immer noch von hoher Güte.
Einen guten Ruf haben auch die mächtigen Streitrösser des
Kriegeradels. Sie mögen stark und stolz sein, doch haben sie nichts
von der Schönheit der Tiere aus nibieskischer Zucht.
Die Eisenlande versorgen sich mit allem selbst. Sie haben Nahrung genug,
dazu Holz, Erz und anderes mehr. Es ist schwer, unsere feinen Güter
diesem Volk zu verkaufen. An Schmuck und Teppichen sind sie am meisten
interessiert, zuweilen auch an Spezereien, doch am liebsten haben sie
klingende Münze. Wofür sie das Geld verwenden, das weiß
ich nicht. Allerdings sind einige Bauwerke und auch Waffen von zwergischer
Machart; deshalb glaube ich, dass sie den Zwergen für ihre besten
Arbeiten hohe Preise zahlen.
Die
Ordnung im Reich
Die Bauern sind nicht nur
arm, sondern auch unfrei. Als "Vasallen" fristen sie ihr Dasein,
wie sie es nennen. Das bedeutet, dass sie ihrem Adel untertan sind in
allen Belangen. Die Menschen in Gor hingegen sind zumeist Freie. Das
gilt auch für die Menschen in den Dörfen des Karo. Das Karo
ist jener Teil des Landes, der vom Dreiberg und den beiden Flüssen,
die östlich und westlich von Gor in die Ebene strömen, eingerahmt
wird. Wer hier sein Gehöft hat, gilt im Reich als privilegiert.
Noch
größeres Ansehen geniessen die Krieger, selbst die einfachen
Soldaten. Sie wählen auch den Heerkönig, wenn der alte König
stirbt oder gestürzt wird. Denn es soll sich zugetragen haben,
dass die Mannschaften murrten und die Festung belagerten und nicht mehr
dienen wollten. Da musste der ungeliebte Heerkönig seinen Nacken
dem Henker beugen. Das Heer aber wählte einen neuen Führer.
Über dem einfachen Krieger noch steht der Kriegeradel. Aus seinen
Reihen kommen die hohen Offiziere und natürlich der König
selbst. Jene Familien sind reich und haben eigene Burgen, die sich über
das Land verteilen. Ihnen sind die "Vasallen" hörig,
von welchen ich berichtete.
Eisenländische
Tugenden
Ehre und Disziplin sind
die Haupttugenden der Eisenländer, und sie verstehen beide Begriffe
nur im kriegerischen Sinne. Ein tüchtiger Krieger zu sein ist das
höchste Ziel eines Eisenländers, obwohl doch nicht jeder es
erreichen kann. Denn nur wer frei geboren ist, darf eine Waffe tragen.
So ist alles in jenem Land starren Traditionen unterworfen, und das
Reich ist wie eine große, träge Echse. Schwer gepanzert und
furchteinflössend, doch äußerst träge. Träge
vor allem im Geiste, denn dieser gilt hier wenig; seine Muskeln zu stählen,
darauf kommt es an für den Eisenländer. Weder zollen sie der
zarten Schönheit des weiblichen Geschlechts ihre Anerkennung, noch
wissen sie Weisheit und Würde des Alters zu schätzen. Es ist
wahr: Die Mutter des Königs gilt nicht mehr als ein Tagelöhner.
Das Weib eines Generals ist weniger wert, als der niedrigste seiner
Soldaten. Drüben auf den Kartoffeläckern mögen die Leute
anders denken, als in Gor und im Karo. Es mag sein, dass sie hier ihre
Weiber und Alten besser behandeln, denn sie selbst sind ja nur der Abschaum
des Reiches.
Man kann sich denken, dass es hier keine Schulen und Universitäten
gibt (noch weniger als in den Nordlanden!), und auch keine Klöster.
Die Söhne des Heerkönigs, ja der Heerkönig selbst, kann
nicht einmal lesen und schreiben. Von den Dingen außerhalb ihres
Reiches wissen diese Menschen nichts, und sie wissen nichts von den
Sternen und den Göttern und
den Kräften der Natur.
Und das sie so wenig wissen, fürchten und hassen sie alles, was
fremd ist. Uns Südländer halten sie für weichlich und
schwach; die Nordländer halten sie für feige und ehrlos; die
Amazonen bekämpfen sie, weil sie Weiber
sind; die Elben bekämpfen sie, weil sie spitze Ohren haben; Zauberer
jeder Herkunft verfolgen und töten sie, weil sie belesen sind.
Es ist nicht wie bei uns, wo der weise Ratschluss des Kalifen über
Krieg und Frieden bestimmt, je nachdem, was am günstigsten ist.
Die Eisenländer bluten und vergießen Blut nur aus Dummheit.
Es gibt nur ein fremdes Volk, das sie achten: Es sind dies die Zwerge.
Gern erinnern sie sich des gemeinsamen Feldzugs gegen die Elben, und
sie glauben, dass das Zwergenvolk dem ihren ähnlich ist.
(Auf dem Rückweg von Gor traf ich einen Zwergen, der mir versicherte,
dass die Eisenländer da auf dem Holzweg seien.)
Der
Krieger und sein Heer
Wer so sehr die Waffen
liebt und so wenig die Bücher, der wird ständig Krieg führen.
Die Mannen des Königs sagten mir, dass es seit vielen Generationen
keinen Frieden gegeben habe.
Im Süden schlagen sie sich mit den Amazonen
vom Weiberwald (und dies ist ein Krieg, der mit äußerster
Graumsamkeit geführt wird, so habe ich vernommen). Im Osten ringen
sie mit den Elben vom Land der Seen, denn sie
haben es auf das Land dort abgesehen. Doch auch ihre übrigen Nachbarn
lieben sie nicht, und es soll desöfteren entlang der Karawanenstraße
im Westen zu Drangsalierungen von Kaufleuten und Reisenden gekommen
sein. Ein Zauberer darf sich niemals innerhalb der Grenzen der Eisenlande
zu erkennen geben. Übrigens haben die Eisenländer eine gänzlich
andere Auffassung vom Umfang ihres Reiches, als die Nordlande, mit denen
sie ständig wetteifern.
Die Eisenländer kämpfen ganz anders als ihre Feinde. Sie lieben
Festungen, große Einheiten von gepanzerten Lanzenreitern und waffenstarrende
Heere. Auch einfache Soldaten sind von Harnisch und Helm aus Eisen geschützt,
zudem tragen sie Schienen an Arm und Bein. Sie führen Schild und
Breitschwert, manche auch Lanzen. Zu jedem Heer gehören Schützen,
die mit einer schweren Armbrust kämpfen. Die Offiziere schwiegen
Langschwerter oder Beidhänder. Die Heeresordnung ist zwar feudal,
aber auch ein Sohn des Adels muss sich zuerst bewähren, bevor er
größere Einheiten befehligen darf.
Ein eisenländisches Heer zu schlagen ist wie eine harte Nuss zu
knacken. Aber der Heerwurm bewegt sich langsam, auch wenn der Hauptmann
seine Männer bis aufs Äußerste schindet. Nach einem
langen Tagesmarsch sind die Männer durch die Strapazen und das
Gewicht ihrer Rüstung so geschwächt, dass die wilden Amazonen
ein leichtes Spiel haben, und wenn sie auch zehn zu eins unterlegen
sind.