Geografische Lage
Im Nordwesten des Kontinents liegt jenes Kulturgebiet, welches allgemein die Nordlande genannt wird. Es wird im Westen und Norden nur vom Meer begrenzt, im Osten von der Einöde des Braunen Landes und des Berges-der-Zehn-Tage. Im Süden grenzt das Gebiet an den Berg des Verlorenen Wassers, die Eisenlande und das Land der Seen, wo die Elben wohnen.
Natur des Landes
Es ist ein grünes und fruchtbares Land, reich an saftiger, dunkler Erde; die Sommer sind frisch, in den Wintern fällt Schnee, doch nur selten frieren die Flüsse zu, denn das Land wird beherrscht vom milden und feuchten Klima der See.
Die Wälder sind dicht und von starken Bäumen bestimmt, Eichen und Buchen sowie grossen Tannenhaine. Zahlreiche Flüsse und Seen funkeln im kühlen Sonnenlicht; die Küstenlinie ist lang, doch gibt es auch zahlreiche Berge und kleinere Gebirge hier sowie Hügelland.
Die freien Ebenen sind zu einem grossen Teil bebaut. Ackerbau und Viehzucht sind weit verbreitet, und es gibt kein Hunger. Dörfer und Marktflecken durchziehen das Land, verbunden durch Strassen, die leidlich in Ordnung gehalten werden. Doch es gibt auch grössere Städte, von deren bedeutendsten ich berichten will.
Die drei grossen Städte
Drei Städte ragen über die übrigen Ortschaften hinaus und jede von ihnen hat ihren eigenen, unverwechselbaren Charakter. Und in der Tat erzählt die Geschichte dieser Städte gleichzeitig die Geschichte der Nordlande, soweit sie uns verlässlich durch alte Chroniken überliefert ist.
Die älteste der grossen Städte ist das ehrwürdige Handelburg. An der Mündung der langen Nessel ins Nordmeer gelegen, liefen in dieser Hafenstadt schon früh die Fäden von See- und Binnenhandel zusammen. Die dickbauchigen Koggen sind zum Sinnbild des Wohlstand bringenden Handels geworden, obwohl der Grossteil der Güter immer noch über den Fluss und die Strassen gehandelt wurde. Dabei regierte allerdings nie das Bürgertum in Handelburg, sondern der Adel, der hier bequem an Luxus gelangte, welchen Nordmeer und Nessel an Land spülte. Der Prunk des Adels, der keine Scheu zeigte, sich mit den reichen Kaufmannsfamilien zu vermischen, prägt sogar noch heute an vielen Stellen das Bild der Stadt. Zwar hatte Handelburg schon früh einen Stadtrat, jedoch war dieser nur für die Fragen des Handels zuständig, und auch das nur unter dem Vorbehalt der feudalen Herrschaft. Letztere regierte sicher in der Stadt mit weniger harter Hand als auf dem Land, doch das Zepter verlor sie ebensowenig wie das Schwert.
Als der Handel zunehmend gelähmt wurde durch kriegerische Streitigkeiten zwischen den Adelshäusern, und Handelburg zum wiederholten Mal belagert und erobert wurde, gingen viele Kaufleute zusammen mit adligen Exilanten von der Nord- zur Westküste. Dort gründeten sie die Deltastädte, gelegen an einem Flussdelta. Noch heute besteht die Stadt aus zwei Teilstädten, die nur durch einige Flussbrücken miteinander verbunden sind. Ideen, den mittleren Strom trockenzulegen, um die Stadt zusammenwachsen zu lassen, sind uralt und bis heute nicht verwirklicht. Die Deltastädte wuchsen und wuchsen und ihre Grösse übertraf bald die Handelburgs. Für den Seehandel mit dem Südel waren die Deltastädte günstiger gelegen, wenn sie auch auf den Vorteil der Nessel als Handelsader ins Binnenland verzichten mussten. Obwohl es in den Gründertagen Machtkämpfe gab, blieb die Stadt von feudaler Herrschaft befreit und war deshalb ein einmaliger Hafen für Flüchtlinge. Für Gelehrte war diese freie Stadt besonders verlockend und bald wurde sie nicht nur Zentrum des Seehandels sondern auch der Gelehrsamkeit in geistlicher und weltlicher Hinsicht. Magiere, Orden und Sekten siedelten sich hier an, und damit waren freilich Hader und Zank nicht weit. Die düstere Geschichte der Deltastädte begann und sie erzählt von so vielen Glaubenskämpfen, religiösen Verfolgungen, Zaubererfehden und gelehrtem Fanatismus unterschiedlichster Dogmatiker, dass ich sie nicht alle nennen kann. In jener Zeit geschah es, dass viele Menschen weit in den Süden flohen und unsere wunderschöne Stadt Dabron gründeten - aber das ist eine andere Geschichte.
Für ein halbes Jahrhundert waren die Deltastädte eine Magokratie, in der ein Zaubererrat regierte, bis selbiger in einer roten Wolke verpuffte. An einen Unfall glaubte niemand. Die Magokratie hatte zunächst den Religionsfrieden gebracht und Fortschritt und Wohlstand. Der zunehmende Handel mit den Elben vom Nordwald erwies sich als profitabel. Als aber die Intrigen im Rat begannen und der Fortschritt beschränkt wurde auf immer perfidere Methoden, Gegensacher in die nächste Stufe der Existenz zu schicken, wurde das dem einfachen Volk zuviel und es erhob sich und erschlug viele Zauberer und andere, die verdächtig aussahen, und es brannte die Tempel nieder und metzelte unter den Priestern. In den Wirren trat ein Handelskonsortium auf, dass Frieden, Ordnung und Wohlstand versprach und auch hielt. Der Rat wurde erneut bürgerlich, beherrscht von einigen reichen Familien. Legitimieren liess sich der Rat durch eine adlige Familie, die ihm Schutz bot.
Das Konsortium gründete einen Stützpunkt im Süden, um die dortigen Handelswege zu stärken und zu schützen. Diese junge Stadt bei der Festung wuchs sehr schnell, und wenn die Fürstenfamilie der Deltastädte auch auf einen blaublütigen Regenten bestand, so behielt der vom Konsortium beherrschte Rat stets die Zügel in die Hand; das Konsortium nannte sich selbst "Handelsglobus" und bezieht sich in der Namensgebung auf die Entdeckung des grossartigen Gelehrten Kalpan, der die Kugelgestalt der Welt bewies, was ihm grossen Ruhm und den Tod durch den Pöbel einbrachte. Von der Stadt-bei-der-Festung aus steuert der Handelsglobus heute nicht nur die kaufmännischen sondern auch die politischen Geschicke der Nordlande. Übrigens finden sich zur Stadt bei der Festung einige gelehrte Worte aus der Feder Fredegars von den Kahlen, einem Landeskundler und Historiker, und zwar in seinem eher leichtgewichtigen Werk "Die wahrhaftigen Taten und wunderlichen Abenteuer des Zwergen Brohler von den Stahlbergen".
Der Krieg um Handelburg war die letzte kriegerische Auseinandersetzung in den Nordlanden, und sie legte die Herrschaftsverhältnisse bis heute fest. Es heisst, dass der "Handelsglobus" hinter diesem Krieg steckte, um seinen Einflussbereich auf die Nordküste auszudehnen. Wenn dem so war, so hat er sein Ziel erreicht.
Herrschaft
Die Macht des Adels ist stark zurückgegangen, sowohl in den Städten als auch auf dem Land. Leibeigenschaft und Lehensherrschaft existieren nicht mehr. Zwar sind die meisten Bauern ihren Grafen und Fürsten abgabepflichtig, doch sind sie frei und nicht an ihre Scholle gebunden. Klöster und Tempel hatten nie allzu grossen politischen Einfluss und inzwischen ist er völlig verschwunden. Es gibt nur einen Herren in den Nordlanden - die klingende Münze.
Mächtige Kaufleute lenken die Geschicke in den Städten und Gemeinden - offen im Rat (den eine jede Stadt hat), oder verborgen in den Kontoren. Am "Handelsglobus" kommt kein Regent vorbei, ob adlig oder bürgerlich. Von Handelburg bis nach Wasserau, gegen den Willen des "Globus" kann nicht regiert werden und ohne seine finanzielle Hilfe nur schwer, denn das Geldgeschäft befindet sich ganz in seiner Hand. Das hat durchaus Vorteile, denn der Handelsglobus hat kein Interesse an Krieg und Hader, und allen anderen Dingen, die den Handel stören könnten. Auch sind die Steuern erträglich und der Willkür einzelner Potentaten sind Grenzen gesetzt.
Bei uns in Dabron freilich empfinden wir den Preis solchen Friedens hoch. Denn dort im Norden bleiben die Armen arm und die Reichen werden reicher. Es gibt keinen Fortschritt, weil jede Unruhe gefürchtet wird und den Besitzstand der Mächtigen in Frage stellt. Der Schönheit des Handwerks wird wenig Liebe entgegen gebracht, die Weisheit der Gelehrten wird nicht geachtet, der Würde der Kreatur wird kein Tribut gezollt, und so gerät alles, was sich nicht in klingender Münze rechnen lässt, unter die Räder der Karren, die über die Handelsstrassen rollen. Man sagt, dass das Murren der Elben im Nordwald lauter wird, und dass ein neuer Holzfällerkrieg droht. Auch das Grollen der Zwerge ist zu hören, denn es gibt Streitigkeiten um Schürf- und Bergbaurechte. Bisher allerdings konnte der "Handelsglobus" durch grosszügige Geschenke und geschicktes Verhandeln seine Position behaupten, ohne zum Schwert zu greifen.
Das Patriarchat ist stärker in den Nordlanden als bei uns, jedoch nicht so übel wie im Kalifat oder gar bei ihren Nachbarn, den Eisenländern.
Der Nordländer an sich - Erscheinung und Gebaren
Wir Dabronesen stammen von den Nordländern ab, deshalb erscheint uns das Volk zumindest äusserlich nicht fremd: Hellhäutig, von stämmigerer Bauart als die Südländer, mit zumeist blondem, zuweilen rotem oder braunem Haar. Die Männer pflegen einen Bart zu tragen und tragen die Haare höchstens schulterlang. Die Mädchen haben ihr Haar offen, gesetztere Frauen türmen es unter Hauben (vor allem, wenn es grau zu werden beginnt).
Der Nordländer ist nüchterner als unsereins. Man kleidet sich in einfache Stoffe und gibt wenig Geld für Schmuck und andere schöne Dinge aus. Massvoll und zweckmässig soll die Kleidung sein, vom Hut bis zu den Schuhen. Duftwässerchen werden - wenn überhaupt - nur von den feinen Damen benutzt, ebenso Schminke und Perücken.
Keineswegs will ich die Nordländer leidenschaftslos nennen, doch zeigen sie ihre Gefühle nicht gern, und der Sinn für Schönheit geht ihnen ab. Sie schätzen wohl Größe und Prunk (die einzigen Manifestationen der Kunst, die ihnen überhaupt etwas bedeuten) als Symbole für Macht, und der Adel stürzt sich zuweilen für solche Darstellung von Eitelkeit in Schulden. Aber unsere Liebe zur Kunst begreifen nur die wenigsten.