Segelt
man von Kritias aus 1000 Seemeilen in Richtung Südsüdost,
so erreicht man die Gestaden des Großen Kontinents bei einem Land,
das von einem Kalifen regiert wird, welcher in einer Stadt namens Riad
residiert. Da Riad eine prächtige Stadt ist, und der Kalif der
reichste Mann der Welt sein dürfte, so nennt sich das ganze Land
"das Kalifat Riad".
Das Land zieht sich etwa 200 Meilen die Küste entlang. Wie weit
die kalifatische Macht ins Landesinnere reicht, wo bald die Wüste
beginnt, kann niemand genau sagen: Die Oasen erkennen die Herrschaft
des Kalifen nicht unbedingt an, und die Nibieskerinnen,
die Amazonen des Südens, stoßen oft weit in den Westen vor.
So ist das Kalifat ein Küstenland, das neben Riad noch die Hafenstädte
Achat und Salam umfasst, sowie einige kleinere Dörfer und Oasen
an der Küste und im Hinterland.
Der größte Teil des Herrschaftsgebiet des Kalifen ist Wasser.
Einen großen Teil der See (der Golf von Riad) nennt der Kalif
sein eigen und bewacht ihn eifersüchtig. Dazu gehört auch
eine Inselgruppe, die weit vor der Küste liegt, und die "die
Perlen des Kalifen" genannt wird. Die Hauptinsel ist groß
und von üppiger Vegetation. Sie ändert ihren Namen ständig,
da sie nach der Lieblingsfrau des Kalifen benannt wird.
Aussehen
Die Menschen im Kalifat
sind von dunkler Haut, die einen leichten Bronzeton hat, und haben schwarzes
Haar, welches sie sehr pflegen. Die Leute tragen ihr Haar lang, die
Männer zu einem Zopf im Rücken geflochten, die Frauen unter
einem Schleier verborgen.
"Der Stoffhändler von Riad führt sein Geschäft immer
mit sich", spottet man im Norden, und in der Tat wickelt man sich
in vielen Lagen von Stoff. Nicht etwa, um den Wüstensand abzuhalten,
sondern um Reichtum zu zeigen. Die Stoffe sind farbenfroh und leicht.
Je reicher der Mann oder die Frau, desto dünner und feiner ist
der Stoff; denn die heiße Sonne Riads ist unbarmherzig. Dennoch
wird der ganze Leib verhüllt, nur Hände, Füße und
das Gesicht bleiben frei. Am Fuße tragen die Leute Sandalen, oder
aber sie gehen barfuß. Natürlich sind die einfachen Matrosen,
Hafenarbeiter, Bettler, Gaukler und Bauern nicht so gut gekleidet. Sie
gehen barfuß, in einfachen Pluderhosen, am Oberkörper nur
eine kurze, gestickte Weste, die offen getragen wird (diese Mode wurde,
wie ich hörte, von den Nibieskerinnen hierher gebracht). Die einfachen
Frauen hingegen müssen sich züchtig kleiden, und wenn es den
letzten Dukaten kostete!
Die Menschen von Riad sind ganz vernarrt in Schmuck und Steine. Sogar
mit Glasperlen kann man die einfachen Leute glücklich machen. Es
sollen Fehden und Kriege wegen einiger Edelsteine geführt worden
sein.
Riad
als Handelsplatz
Dem Kalifati liegt das
Feilschen im Blut, so heißt es im Norden. Der Handel ist bedeutend
und durch Riad gehen mehr Kostbarkeiten (und bleiben selbige kleben),
als das Land selbst hergibt. Denn Riad hat es verstanden, zur Drehscheibe
zwischen Nord und Süd zu werden. Die günstig gelegenen Häfen
locken Schiffe aus aller Herren Länder.
Über Gebühr profitiert Riad davon, dass die Elben von Cyrillion
sich nicht gern mit Menschen abgeben. An den Handel mit Riad haben sie
sich aber gewöhnt, so überlassen sie Riad große Gewinne,
da sie selbst nicht weiter in den Norden reisen möchten, wo die
Menschen ihnen fremd sind. Auf diese Weise gelangen die wertvollen Schnitzereien
und Schmuck, Stoffe, Gewürze und Kräuter (darunter einige
obskure Rauschmittel), Glas, feinstes Öl und Obst nach Riad, wo
es weiter verschifft wird. Ebenfalls aus dem Süden, dem geheimnisvollen
Land Punica, gelangen über riadsche oder cyrillische Seefahrer
Elfenbein und die Häute von sehr eigenartigen Tieren, dazu Salz,
Holz und andere Dinge mehr. Umgekehrt verteilt Riad die Waren des Nordens
in den Süden, wie etwa Honig und Wachs, Wolle, Getreide, Holz,
Erze und derlei.
Aus Riad selbst stammen feine Stoffe, Schmuck, Teppiche, Gewürze
und natürlich der feine Wein, dessen blutroter Duft allein schon
manchen Edelmann des Nordens vor Freude tanzen lässt. Von großer
Bedeutung ist natürlich auch der Schiffsbau in Riad. Allerdings
muss das Holz eingeführt werden, denn Riad ist arm an Wäldern.
Freilich gibt es noch einen anderen großen Markt in Riad. Dieser
ist jedoch nicht öffentlich, wird aber vom Kalifen stillschweigend
geduldet: Der Sklavenmarkt dieser Lande ist berüchtigt, und offenbar
immer noch ein einträgliches Geschäft. Die menschliche Ware
allerdings wird teurer und teurer, ganz besonders Mädchen und Frauen.
Schuld daran sind die Amazonen der Nibieske, die inzwischen nicht mehr
nur die Sklavenkarawanen überfallen, sondern auch als Piratinnen
die Seewege unsicher machen, Dabei haben sie es besonders auf Sklavenhändler
abgesehen, denen sie kein Pardon geben. Der Kalif wagt nicht mehr, dem
schändlichen Menschenhandel seinen Schutz angedeihen zu lassen,
denn er fürchtet einen offenen Krieg mit den Nibieskerinnen.

Seefahrt
Die Schiffe des Kalifats
bringen dem Volk den Reichtum. Kleine Küstensegler
und große Hochseeschiffe, welche über den Meeren kreuzen,
sieht man in großer Zahl im Hafen von Riad ankern. Nicht nur die
vielen Riadschen Segler, sondern auch die schlanken Galeeren Cyrillions,
die behäbigen Koggen des Nordens, die Langboote der Vi-Kin, und
natürlich unsere eigenen schnellen Klipper. Der vielgerühmte
Hafen ist ein riesiger Kraken. Übervoll von Seeleuten verschiedenster
Herkunft und allerlei zwielichtigem Gesindel. Die Wachen des Kalifen
sind des Nächtens verschwunden und das Gesetz hat dann keine Gültigkeit
mehr. Lediglich die Schiffe und Läger werden von der Hafenmeisterei
bewacht, doch was in den Gassen und Spelunken passiert, dafür hat
die Obrigkeit kein Auge.
Seefahrer und Reeder sind in einer Gilde zusammengeschlossen, die mehr
Macht hat als die Generäle der Armee. Niemand, auch kein armer
Fischer oder Perlentaucher, darf ein Boot oder Schiff bauen, der nicht
Mitglied der Gilde ist oder (gegen Gebühr) von dieser eine Genehmigung
zu einem solchen Unterfangen erhält.
Die Kriegsmarine ist der wichtigste Teil der riadschen Streitkräfte.
Zwar führt Riad keine Seekriege, aber die Piraterie hat in den
letzten Jahren doch deutlich zugenommen. Cyrillions trutzigen Schiffe
werden seltenst behelligt, aber für die Schiffe der Gilde sind
die Seeräuber ein großes Problem, und auch für andere
Seefahrer, die in riadschen Gewässern Handel treiben wollen. Zu
den südländischen Piraten, die seit jeher ihr Unwesen im Golf
von Riad treiben, gesellen sich in ständig wachsender Zahl die
Nibieskerinnen und auch die Vi-Kin aus dem Norden, welche keinen großen
Unterschied machen zwischen Handel und Raub.
Poesie
und Geist
Das Leben ohne Krieg und
Seuchen und der blühende Handel haben Riad nicht nur reich gemacht,
sondern auch seinen Geist geadelt. In der Tat finden sich nirgendwo
unter den Völkern der Menschen so viele Gelehrte wie hier. Es gibt
große Schulen des Geistes, wo Zahlenkunde, Recht und Heilkunde
gelehrt werden. Auch die Sternenkunde liegt dem Volk der Seefahrer am
Herzen.
Die Kunst und die Schönheit sind ein Anliegen der reichen Leute
von Riad. Ihre Paläste sind zauberhaft, die Brunnen überladen
von Ornamenten, die Stoffe fein, der Wein hervorragend, die Teppiche
wohlgeknüpft, der Schmuck kostbar und fein gearbeitet. Der Kaufmannsadel
ist sehr belesen und neigt oft selbst zur Dichtkunst. Die Menschen von
Riad haben eine dichterische Seele, und sind lange nicht so aufbrausend
wie ihre Verwandten in der Wüste, die Dunee. Sie sind eher weich
und von angenehmer Wesensart und haben viele weibliche Züge. Dennoch
haben Frauen weniger Rechte als im Norden und werden gezwungen, verhüllt
zu gehen, und dürfen mit fremden Männern keine Worte wechseln,
die nicht das Einkaufen oder ähnliches betreffen. Es ist den Männern
gar die Vielweiberei gestattet.
Auch der Magie gegenüber ist das Volk von Riad freundlicher gesonnen,
als es anderswo üblich ist. Der bedeutendste Zweig der Zauberei
ist die Dämonologie. Es heißt, dass hin und wieder ein Beschwörer
zu solcher Macht käme, dass er am Kalifenhof selbst einigen Einfluss
erlange und auch auf die Gilde einigen Einfluss ausübe. Allerdings
ist man hier niemals, wie etwa in den Deltastädten, auf das Experiment
einer Magokratie verfallen. Die riadschen Dämonologen sind auch
noch größere Einzelgänger, als die Hochmagiere und Kräuterkundler
des Nordens. Oft vertrauen sie nicht einmal einem Schüler oder
Gehilfen. Die Kunst der Dämonologie wird deshalb in einer Schule
gelehrt, wie es ganz unüblich ist in allen anderen Ländern,
die ich bisher bereiste. Auf dem großen Bazar von Riad sind übrigens
alle Kräuter und Zutaten zu erwerben, welche die Beschwörer
für ihre Kunst benötigen.
Im Verborgenen lehren, lernen und beschwören aber die Nekromanten,
die Totenbeschwörer. Sie haben einen üblen Ruf als Leichenschänder
und Grabräuber, und jedermann spuckt nach ihnen, wenn sie sich
zu erkennen geben.
Die Volk von Riad ist sehr fromm und verehrt die Minderen
Gottheiten.
Wachen
und Soldaten
Die Menschen von Riad sind
kein kriegerisches Volk. Sie leben vom Frieden und sind nicht aus auf
Eroberungen. Ihre Flotte ist keine Kriegsflotte, wenn auch einige Schiffe
Jagd auf Piraten machen. Das mächtige Elbenreich Cyrillion im Südwesten
schützt Riad vor Angriffen über See und ist ein friedlicher
Nachbar, den es nicht nach Krieg gelüstet. Im Westen ist das Meer,
im Norden und Osten sind zwar kriegerische Nachbarn, doch haben diese
weder genügend Macht noch Entschlossenheit, das Kalifat ernsthaft
zu bedrohen.
Umgekehrt kann der Kalif die wilden Dunee nicht vernichten, denn das
wäre so, als wolle man alle in der Wüste lebenden Schlangen
zertreten. Und Nibieskerinnen zu jagen ist wie den Wüstenwind zu
haschen, sagt man in Riad. Da der Kalif kein stehendes Heer unterhält,
sondern lediglich einige kleinere Kriegsschiffe, sind die Stadtwachen
die einzige Truppe im Reich. Hinzu kommen die Palastwachen, also die
Leibgarde der Kalifenfamilie. Andere Große unterhalten ebenfalls
Söldner, die im Allgemeinen besser ausgebildet und besoldet sind,
als die Stadtwache. Bei letzterer handelt es sich um schlecht bezahlte
und gewalttätige Männer, die mit übertriebener Härte
Frieden in den Städten und Dörfern wahren. Die Handelswege
werden nicht geschützt, sondern jede Karawane muss selbst Sorge
dafür tragen, sicher an ihr Ziel zu gelangen. Jedoch bedarf es
zwei oder drei solcher Söldner, um eine einzelne Nibieskerin ernsthaft
zu bedrängen, und auch den Dunee-Kriegern sind sie an Motivation
und Kampferfahrung unterlegen.
Riadsche Krieger tragen keine Rüstung, sondern nur einen leichten
Lederhelm. Lediglich Offiziere tragen einen leichten Brustpanzer aus
Leder oder einen leichten Schild. Die am meisten benutzte Waffe ist
der Krummsäbel, da sie sich im Reiterkampf gut einsetzen lässt.